Aktuell werden in der historischen Musikwissenschaft folgende Projekte durchgeführt:
DFG-gefördertes Forschungsprojekt
Durchführung: Kordula Knaus, Rahel Schwarz, Lluc Solés i Carbó, 2025–2028
Mit den neuen Ästhetiken und Kompositionstechniken einer musikalischen Moderne um und nach 1900 driften die Erwartungshaltungen eines Konzert- und Opernpublikums und die tatsächliche Musikproduktion einer musikalischen Avantgarde zunehmend auseinander. Vielerorts wird bemängelt, dass die „neue“ Musik nicht mehr zugänglich oder verstehbar sei. Musikschaffende reagieren darauf mit verschiedenen Strategien, ihre Musik an ein Publikum zu kommunizieren. Es werden Präsentationsplattformen (z.B. Konzertreihen oder Gesellschaften) für Neue Musik gegründet. Einführungsvorträge, Aufsätze, Interviews, Programmvermerke und Gespräche begleiten Aufführungen und Neuerscheinungen. Auch das in den 1920er Jahren entstehende Medium Rundfunk wird vermehrt genutzt. Äußerungen von Musikschaffenden wurden in der Forschung bislang primär als Aussagen über ihr Werk oder ihre ästhetischen Ansichten betrachtet. Im Projekt werden sie erstmals umfassend als kommunikative Akte mit einem realen oder imaginierten Publikum in einer sich im Umbruch befindenden Musik- und Medienwelt aufgefasst. Ziel ist es, Erkenntnisse darüber zu erlangen, in welcher Art und Weise und durch welche Medien und Plattformen avantgardistische Musikschaffende ihre Musik vermittelten, welches Zielpublikum sie adressierten und in welche breiteren Diskurse über Neue Musik ihre Äußerungen eingebettet werden können. Durch einen Fokus auf kommunikative, mediale und performative Strategien nimmt das Projekt nicht nur das „was“, sondern auch das „wie“ der Vermittlungstätigkeiten in den Blick. Die Materialität von Medien sowie die Dramaturgie und performative „Inszenierung“ bestimmter Inhalte wird untersucht. Theoretische und methodische Zugänge aus Kommunikations-, Medien, und Theaterwissenschaft werden damit erstmals auf die Akte der Musikvermittlung durch Musikschaffende angewendet.
durch Drittmittel gefördertes Forschungs- und Habilitationsprojekt von Dr. Alexander Gurdon (2025-2028)
Musiken sind ein essentieller Bestandteil von zentralen Gedenkveranstaltungen in Erinnerung an die Shoah - sei es in parlamentarischen Kontexten wie dem Bundestag oder in den Gedenkstätten selbst. Erstaunlicherweise sind die verwendeten Musiken und ihre Wirkungen jedoch noch kein Bestandteil größerer Forschungen geworden; das vorliegende Drittmittelprojekt versucht nun durch umfassende Befragungen und Auswertungen diese Lücke zu schließen und inhaltlich zu kommentieren. Erhoben werden hierbei die Daten aus Parlamenten, Gedenkstätten und Ensembles seit der Etablierung des 27. Januars als zentralem Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus im Jahr 1996.
Zur Vorstudie von 2019 / 2022 siehe:
Gurdon, Alexander: „Von Wut bis Mozart. Zur Rolle der Musik bei Shoah-Gedenkveranstaltungen.“ In: Ders. / Hübscher, Sarah / Kreutchen, Christopher (Hgg.): Resonanzen // Interventionen. Reihe: verorten. Räume kultureller Teilhabe. Herausgegeben von Christopher Kreutchen und Barbara Welzel. Bielefeld: Athena / wbv, 2022. S. 78-90.
Promotionsprojekt von Vinzenz Laarmann
Das Promotionsprojekt von Vinzenz Laarmann widmet sich der Analyse intertextueller Bezüge in Kompositionen über den Holocaust, wobei sich die Untersuchung auf den geographischen Raum Deutschlands in der Zeitspanne von 1990 bis 2025 beschränkt. In diesen Zeitraum fallen bedeutende erinnerungskulturelle Zäsuren wie das fünfzigjährige und das fünfundsiebzigjährige Gedenken an den Holocaust. Trotz der zentralen Stellung der Musik für die Holocaust-Erinnerungskultur stellt die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Kompositionen über den Holocaust ein bislang unzureichend erschlossenes Feld dar. Das Forschungsvorhaben verfolgt deshalb das Ziel, zunächst einen Korpus neu entstandener Kompositionen aufzustellen und diese anschließend exemplarisch auf ihre intertextuellen Referenzen hin zu untersuchen. Dabei wird von einem weit verstandenen Textbegriff und einem eng gefassten Intertextualitätskonzept ausgegangen. Die Ergebnisse sollen dazu beitragen, Kompositionen über den Holocaust in ihrem jeweiligen intertextuellen Kontext differenzierter zu verorten und somit die Komplexität von Musik als Erinnerungsmedium systematisch zu erfassen.
