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Fakultät Kunst- und Sportwissenschaften

Musiktheoretische Forschung

Die Forschung im Bereich der Musiktheorie verfolgt das Ziel, die deutschsprachige Kompositionslehre des 18. Jahrhunderts in neuem Licht zu betrachten und ihre Relevanz für die historisch informierte Analyse sowie für die musikalische Praxis herauszuarbeiten. Dabei werden folgende Themen sowohl aus historischer als auch aus systematischer Perspektive untersucht.

Leitung der Forschungsstelle

Prof. Dr. Derek Remeš

Mitarbeiter der Forschungsstelle

Frederik Stark

Forschungsthemen

Ein Kreis von Musiktheoretikern und Organisten prägte das Salzburger Musikleben über das gesamte 18. Jahrhundert hinweg. Als Begründer dieser Linie gilt der kosmopolitische Komponist Georg Muffat, gefolgt von seinem Schüler J. B. Samber, dem Autor dreier einflussreicher Traktate (1700/1707/1710). Die Tradition wurde von Matthäus Gugl, J. E. Eberlin, A. C. Adlgasser, Mozart und Michael Haydn fortgeführt – deren musiktheoretisches Schaffen bislang kaum erforscht ist. Ziel ist es, die Salzburger Schule innerhalb der breiteren süddeutsch-österreichischen Partitura-Tradition zu kontextualisieren und sie als katholisches Gegenstück zur protestantischen norddeutschen Tradition sowie zur neapolitanischen Partimento-Praxis Italiens zu verstehen.

Veröffentlichungen zu diesem Thema:

  • „Georg Muffat’s ‚De Praxis Compositionis Regulis‘ and the Salzburg School of Music Theory“ (derzeit in Begutachtung)
  • Remes, Derek. 2026. “Johann Joseph Fux (1660?-1741) Kaiserrequiem (K 51–53; ca. 1719-20).” In Book of Requiems, ed. Markus Neuwirth. Forthcoming.
  • Remes, Derek. 2025. “Matthäus Gugl’s Fundamentals of Thoroughbass: Edition, Translation, and Commentary.” Theoria 29.

In der Lehre Johann Sebastian Bachs war nicht der vierstimmige Choral das zentrale Modell, sondern höchstwahrscheinlich der sogenannte Mehrbasschoral für die Orgel. Schüler lernten dabei, mehrere bezifferte Bässe zu einer Melodie zu komponieren – einerseits als praktische Vorbereitung auf die Improvisation unterschiedlicher Harmonisationen im Gottesdienst, andererseits als satztechnische Übung für die Komposition. Ziel ist es, sowohl den historischen Kontext als auch die Satztechnik dieser bisher kaum beachteten Tradition aufzuzeigen.

Veröffentlichungen zu diesem Thema:

  • Remes, Derek. 2026. “J. S. Bach’s pupil J. C. Kittel demonstrates the use of multiple bass chorale harmonizations.” In Thinking Music: Global Sources for the History of Music Theory. Edited by Thomas Christensen, Carmel Raz, and Lester Hu. Forthcoming.
  • Remes, Derek. 2025. Realizing Multiple-Bass Chorales in the Circle of J. S. Bach: J. C. Kittel’s 24 Chorales. Colfax, NC: The Leupold Foundation.
  • Remes, Derek. 2021. “Bach’s Chorale Pedagogy.” In Rethinking Bach, edited by Bettina Varwig, 271–288. Oxford: Oxford University Press.
  • Remes, Derek. 2019. “New Sources and Old Methods: Reconstructing and Applying the Theoretical Paratext of Johann Sebastian Bach’s Compositional Pedagogy.” Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie 16/2: 51–94. https://doi.org/10.31751/1015
  • Leaver, Robin A., and Derek Remes. 2018. “J. S. Bach’s Chorale-Based Pedagogy: Origins and Continuity.” BACH: Journal of the Riemenschneider Bach Institute 48/2 and 49/1: 116–150. https://doi.org/10.22513/bach.48-49.2-1.0116 
  • Remes, Derek. 2018. “Teaching Figured-Bass with Keyboard Chorales and C. P. E. Bach’s Neue Melodien zu einigen Liedern des Neuen Hamburgischen Gesangbuchs (1787).” BACH: Journal of the Riemenschneider Bach Institute 49/2: 205–226. https://doi.org/10.22513/bach.49.2.0175
  • Remes, Derek. 2017. “Chorales in J. S. Bach’s Pedagogy: A Method for Teaching Undergraduate Music Theory Inspired by a New Source.” Journal of Music Theory Pedagogy 31: 65–92.
  • Remes, Derek. 2017. “J. S. Bach’s Chorales: Reconstructing Eighteenth-Century German Figured-Bass Pedagogy in Light of a New Source.” Theory and Practice 42: 29–53.

Trotz ihrer zentralen Bedeutung in der musiktheoretischen Pädagogik seit Jahrhunderten fehlt bis heute eine allgemein akzeptierte Methode zur Harmonisierung eines Chorals. Die Untersuchung historischer Quellen eröffnet neue Perspektiven – etwa durch den Bach-Schüler J. C. Kittel, der seine klauselbasierte Methode auf Bachs Unterricht zurückführt. Eine systematische, computergestützte Analyse von Kittels Mehrbasschorälen relativiert dessen Behauptung, dass ganze Choräle ausschließlich durch kadenzierende Klauselpaare geprägt seien: Solche Paare treten deutlich häufiger am Zeilenende als in der Mitte auf.

Veröffentlichungen zu diesem Thema:

  • Remes, Derek, Victor Duy Phan, and Mark Gotham. 2025. “Clausulae-Pairs in Multiple-Bass Chorales.” In The Oxford Handbook of Musical Variation and Thematic Techniques. Edited by Jeffrey A. Swinkin, 1070–94. Oxford: Oxford University Press.
  • Remes, Derek. 2020. “Harmonizing Chorales Systematically: A Translation of G. H. Stölzel’s Kurzer und Gründlicher Unterricht (Brief and Thorough Instruction), ms. c.1719–49.” Music Theory Online 26/3. https://doi.org/10.30535/mto.26.3.7
  • Remes, Derek. 2019. Realizing Thoroughbass Chorales in the Circle of J. S. Bach. 2 vols. Colfax, NC: Wayne Leupold Editions.

 

Es ist seit Langem bekannt, dass der Generalbass eine zentrale Rolle im Unterricht Bachs spielte; seine Funktion wurde jedoch meist der Begleitung zugeordnet. Derek Remes’ Entdeckung, dass Bach Konzepte aus Johann David Heinichens Der Generalbass in der Composition (1728) verwendete, eröffnet nicht nur einen neuen Forschungsstrang innerhalb der Bach-Studien, sondern weist dem Generalbass auch eine satztechnische Rolle in der Komposition zu. Damit zeigt sich, dass Bach sich jenen Theoretikern anschloss – darunter Werckmeister, Niedt und Heinichen –, die den Generalbass als Alternative zur linear-vokal geprägten Lehre des 17. Jahrhunderts betrachteten.

Veröffentlichungen zu diesem Thema:

  • Remes, Derek. 2023. “Wieso bezeichnete Johann Sebastian Bach den Generalbass als ‘fundamental’ in der Komposition? Die Generalbasslehre als Kompositionslehre.” In Alte Musik für heute: Geschichte und Perspektiven der historischen Aufführungspraxis, edited by Richard Lorber. zamus: Zentrum für alte Musik Köln. Kassel: Bärenreiter.
  • Remes, Derek. 2021. “Eine Rekonstruktion von Johann Sebastian Bachs ‘Fundamental-Regeln der Composition’ Reflexionen über einige Neuentdeckungen.” Musik & Ästhetik 25, Heft 100 (October): 36–53.
  • Remes, Derek. 2020. “Exploring the Compositional Potential of Thoroughbass in Today’s Classroom.” In Das Universalinstrument: “Angewandtes Klavierspiel” aus historischer und zeitgenössischer Perspektive / The Universal Instrument: Historical and Contemporary Perspectives on “Applied Piano,” ed. Philipp Teriete and Derek Remes, 179–215. Schriften der Hochschule für Musik Freiburg. Band 9. Hildesheim: Olms.

 

Quellen des 18. Jahrhunderts belegen, dass die Improvisationspraxis an Tasteninstrumenten maßgeblich vom Bausteinkastenprinzip geprägt war. Diese Forschung untersucht die Anwendung typischer Satzmodelle sowie deren modulare Verknüpfung im improvisatorischen Kontext. Da Improvisation und Komposition damals als komplementäre Tätigkeiten galten, dienen solche Modelle heute zugleich als Grundlage für historisch informierte Analysen.

Veröffentlichungen zu diesem Thema:

  • Remes, Derek. 2021. The Art of Preluding: Deconstructing and Reconstructing the Preludes in J. S. Bach’s Well-Tempered Clavier I & II. Colfax, NC: The Leupold Foundation.
  • Remes, Derek, and Michael Maul. 2021. “Jakob Adlung’s ‘Anweisung zum Fantasiren’ (c.1725–7): edition, translation, and commentary.” Early Music 49/iii (August): 429–439. https://doi.org/10.1093/em/caab054 
  • Remes, Derek. 2020. “Some (Dis)Assembly Required: Modularity in the Keyboard Improvisation Pedagogy of Jacob Adlung and Johann Vallade.” Music Theory Online 26/1 (March). https://doi.org/10.30535/mto.26.1.5
  • Remes, Derek. 2019. “Four Steps Towards Parnassus: Johann David Heinichen’s Method of Keyboard Improvisation as a Model of Baroque Compositional Pedagogy.” Eighteenth-Century Music 16/2: 133–154. https://doi.org/10.1017/S1478570619000149 

 

Abgeschlossene Editionsprojekte umfassen kritische Ausgaben und Übersetzungen bedeutender musiktheoretischer Texte des 18. Jahrhunderts – unter anderem von C. P. E. Bach, F. W. Marpurg und Jean Kuhnau – und tragen so zu einem vertieften Verständnis der Musiktheorie in der internationalen Community bei. Zahlreiche weitere Projekte sind in der TUDOdata-Database der Technischen Universität Dortmund abrufbar.

  • Remes, Derek, trans. Carl Philipp Emanuel Bach. Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen. Part II. The Complete Works. Los Altos, CA: The Packard Humanities Institute. Forthcoming. Remes, Derek, ed. and Jane Hines, trans. 2022. F. W. Marpurg’s Abhandlung von der Fuge. Between Chopin and Tellefsen. European Music Treatises: Universality and National Identity. Warsaw: Fryderyk Chopin Institute. https://doi.org/10.56693/mt.2022.01.03
  • Remes, Derek, and Frederik Kranemann. 2020. “The Fundamenta compositionis Jean Kuhnaus 1703: Edition, Translation, and Commentary.” Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie, 17/2. doi.org/10.31751/1084, doi.org/10.31751/1086, https://doi.org/10.31751/1088

Laufende Qualifikationsarbeiten

Die Kantate stellt im Schaffen Johann Sebastian Bachs die zentrale Gattung dar. Die etwa 200 überlieferten Kantaten sind dabei aus nahezu allen Lebensstationen des Komponisten überliefert (Mühlhausen - Weimar - Köthen - Leipzig). 

Sie bilden einen Werkkorpus, der sich zum Einen aufgrund seines sozio-historischen Kontextes ganz besonders im ‚ästhetischen Dreieck‘ Composer - Performer - Listener befindet. Zum Anderen bietet er aufgrund seiner Textgebundenheit einzigartiges intra- und intertextuelles Netzwerk. Trotz, oder hinsichtlich der internationalen Forschung, wegen der konkreten textlichen Aussagen, bildet die umfassendere Analyse der Kantaten jenseits des Chorals noch eine große Forschungslücke.

Aufgrund dieser musikhistorischen Relevanz und gattungsimmanenten Spezifika sind Bachs Kantaten ein idealer Forschungsgegenstand, anhand dessen bestimmte Theorien und Methoden aus aktuelle Forschungsrichtungen der Musiktheorie angewendet werden können. 

So hat sich in der aktuellen musiktheoretischen Forschung haben sich insbesondere seit den 2000er Jahren zwei Forschungsstränge entwickelt, die auf den ersten Blick identisch zu sein scheinen: Die US-amerikanische geprägte Schema-Theory und die deutschsprachige Satzmodellforschung

Bei ihnen handelt es sich allerdings nur um partiell-synonyme Forschungsrichtungen, da sie unterschiedliche theoretische Fundierungen und Forschungsgeschichten aufweisen. Ziel dieses Forschungsvorhaben ist es, diese beiden Forschungsrichtungen synergetisch zusammenzuführen und auf die Kantaten Johann Sebastian Bachs anzuwenden. Damit soll gleichzeitig ein Beitrag zur musiktheoretischen Theoriebildung im Allgemeinen und zur Bachforschung im Speziellen geleistet werden.